Interview mit
Dr. Andreas Otto
Herr Dr. Otto, wie fühlen Sie sich als frisch gewählter Präsident des Fischereiverbands Schwaben, der über 19.000 Angelfischer und über 2.000 jugendliche Angelfischer vertritt und darüber hinaus noch Berufsfischer, Teichwirte, Forellenzüchter usw.?
Im Moment noch habe ich gemischte Gefühle. Das entgegengebrachte Vertrauen ehrt mich sehr und ich finde es total spannend und sehr ehrenvoll, die Aufgabe als Präsident des Fischereiverband Schwaben übernehmen zu dürfen. Aber hätte man mir vor einem Jahr erzählt, dass ich mal diese Aufgabe übernehmen werde, hätte ich es nicht geglaubt. Ich gehe zwar leidenschaftlich gerne zum Angeln und bin seit kurzer Zeit Mitglied im Fischerverein Meitingen. Ich hatte aber nicht daran gedacht, eine so wichtige Funktion und Aufgabe zu übernehmen.
Sie sind jetzt also quasi in neugieriger Erwartung. Was macht es für Sie aus, dass Sie sagen, Sie sind gespannt auf die kommende Zeit und was könnte Sie als Präsident erwarten?
Ich glaube, dass ich mit sehr unterschiedlichen Menschen zu tun haben werde, da man zur Fischerei aus sehr unterschiedlichen Motiven und unterschiedlichen Kreisen kommt. Das finde ich spannend und macht es besonders reizvoll. Ich glaube, dass ich grundsätzlich mit Menschen gut umgehen und kommunizieren kann. Natürlich reizt mich die Aufgabe auch auf der sachlichen Ebene: Ich finde die Fischerei einfach gut. Das Angeln macht mir Spaß. Im Laufe der Jahre habe ich, bedingt durch meine Biographie, beruflich wie auch privat immer stärkeren Zugang zur Fischerei gefunden.
Sie kommen beruflich aus einer sehr spezifischen und hohen fachlichen Ebene. Sie sind Biologe, richtig?
Ja, ich bin Biologe. Da ich Biologie studiert habe, könnte man meinen, dass ich immer sehr viel mit Fischen zu tun gehabt habe, dem ist aber nicht so. Mein Schwerpunkt war als Geobotaniker, die Feld-, Wald- und Wiesenbiologie. Mein Arbeitsfeld war eigentlich die klassische Vegetationskunde, die beschreibt, was wo warum wächst und welche Pflanzen und Pflanzengesellschaften zusammenwachsen und welche Gründe es dafür gibt. Mit Fischen hatte das nichts zu tun, dazu kam ich erst später.
Über Ihre Freizeitbeschäftigung, über die Neugierde zum Angeln und das Interesse an unseren heimischen Gewässern, oder gab es während Ihrer beruflichen Laufbahn noch eine andere Verbindung zu den Fischen?
Als ich 1997 ins Umweltministerium kam, war Artenschutz eines meiner Tätigkeitsfelder. Damals sind die Themen Biber und Kormoran gerade aufgeflammt und ich wurde als junger Mitarbeiter mit vierzig Jahren da ein bisschen ins kalte Wasser geworfen.
Ins kalte Wasser geworfen, das klingt sehr spannend und interessant, weil da haben wir ja dann doch schon das verbindende Element zur Fischerei. Die Fische sind ja durchaus auch verbunden mit der gesamten Landschaft. Haben sie sich schon mal ein wenig überlegt oder haben Sie bereits entdeckt, welche Schwerpunkte Sie für die Fischerei in der Zukunft sehen?
Völlig richtig. Ein Beispiel für den ökologisch Zusammenhang zwischen Fischbestand und Landschaft sind die großen Flüsse, die aus den Alpen nach Norden fließen. Das waren ursprünglich Wildflüsse, in denen die Geschiebefrachteneine große Rolle spielten und die Kiesablagerungen eine ganz besondere Botanik mit sich brachte. Leider ist diese Pflanzenwelt außerhalb der Alpen weitestgehend bis komplett ausgefallen, weil es diese Standorte mangels Geschiebefracht und Geschiebeverlagerung in der Form nicht mehr gibt. Aber das Geschiebe ist eben auch Laichsubstrat und Kinderstube für Fischarten wie Forelle oder Äsche, die eine frische Sohle und nicht verschlammte Zwischenräume im Kies benötigen. Für die Fischerei ist es daher ein Ziel, eine natürliche Dynamik soweit es geht, wiederherzustellen. Natürlich kann man die Realität dabei nicht ausblenden. Mit vorhandenen Infrastrukturen, zum Schutz von Eigentum, zum Schutz der Menschen und zum Schutz vor Hochwasser, müssen wir leben
Es gibt dennoch zahlreiche Möglichkeiten, die flsch- und gewässerökologischen Bedingungen zu verbessern. Verschiedene Projekte der Wasserwirtschaft, z.B. das Projekt Wertach Vital, haben das bereits gezeigt. Chancen aufzugreifen, gute Ansätze zu unterstützen und konstruktiv zu begleiten, aber auch konkrete Forderungen aus Sicht der schwäbischen Fischerei zu stellen, ist eine Aufgabe, für uns als Verband und als Fischer. Wenn es den Gewässern gut geht, dann geht es in der Regel auch den Fischen gut.
Eine große Herausforderung ist der Klimawandel, insbesondere die Problematik hoher Wassertemperaturen. Bereits jetzt gibt es dramatische Temperaturereignisse, die für bestimmte Fischarten einfach Katastrophe darstellen. Wie wir künftig damit umgehen wollen und können, ist noch nicht beantwortet. In anderen Regionen gabt es bereits Wärmekatastrophen, bei denen große Fischbestände temperaturbedingt im wahrsten Sinne des Wortes den Bach runter gingen. Wir werden höchstwahrscheinlich davon nicht verschont bleiben und wir müssen überlegen, ob und wie weit man das überhaupt vermeiden kann und wie wir damit umgehen.
Da kommt eine große Aufgabe auf uns Fischer zu, unsere Rolle entsprechend zu spielen. Die Frage ist, wie schaffen wir es, Mitglieder davon zu überzeugen, dass gelebte Naturschutzarbeit und die Investitionen in Renaturierungsmaßnahmen, sprich sozusagen Wiederbelebungsmaßnahmen von unseren Gewässersystemen, sich lohnen? Wie können wir da gute Überzeugungsarbeit bei unseren Mitgliedern leisten?
Viele Fischerinnen und Fischer gehen diesen Weg bereits mit. Sie engagieren sich am Gewässer und für den Gewässerschutz. Das Gute an der Fischerei ist ja, dass man sich in der Natur bewegt und aufhält und somit auch Veränderungen wahrnimmt. Dabei hat jeder seinen eigenen Blick und nimmt Sachverhalte unterschiedlich war. Das führt auch zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen. Diese müssen wertschätzend und offen diskutiert werden, damit gute Lösungen für Probleme gefunden werden. Ich sehe die Verbände und Fischereivereine als Plattform für den Dialog, um in Gesprächen oder im Rahmen von Veranstaltungen bestimmte Fragen der Fischerei, aber auch des Umwelt- und Gewässerschutzes zu thematisieren und zu diskutieren.
Sehen Sie außerhalb des Themas, was der gesamte Klimawandel mit sich bringt, weitere Herausforderungen, die auf die Angelfischerei in Zukunft zukommen? Gibt es Themen, die Ihnen am Herzen liegen?
Wichtig ist mir die Wahrnehmung der Angelfischerei in der Gesellschaft. Die Fischerei nutzt die Gewässer nachhaltig und engagiert sich für den Gewässerschutz. So wollen wir wahrgenommen werden. Auch das Thema Tierschutz ist in der Öffentlichkeit relevant.
Deswegen achten wir auf die tierschutzgerechte Tötung und nachfolgende Verwertung des gefangenen Fisches. . D.h., gefangene Fische sollen grundsätzlich auch auf dem Teller landen. Natürlich kann es Gründe geben, davon abzusehen z.B. das Schonmaß und die Schonzeit, im Einzelfall auch Artenschutzaspekte. Die tierschutzrechtlichen und fischeirechtlichen Beschränkungen lassen allerdings genügend Möglichkeiten, unser Hobby auch Spaß und Freude auszuüben.
Was macht Ihnen persönlich am meisten Spaß, wenn Sie zum Angeln gehen?
Einen Fisch zu fangen, steht für mich nicht immer im Vordergrund, obwohl ich mich schon darüber freue, wenn ich beim Angeln erfolgreich bin. Ebenso wichtig ist für mich das Draußensein und für zwei drei Stunden zur Ruhe zu kommen. Ich bin oft für nur wenige Stunden an Gewässer und dabei probiere auch mal was aus. Wenn ich dann was fange, ist es gut, wenn nicht, dann ist es auch gut und ich hatte eine schöne Zeit am Gewässer. Wenn ich einen schönen Fisch gefangen habe, dann macht es mir auch viel Freude, diesen in der Küche zuzubereiten und meiner Familie zum Essen anzubieten. Ich kann aber auch nachvollziehen, dass zum Beispiel junge Fischerinnen und Fischer motivierter sind, um einen großen Fang zu machen und dabei die Herausforderung suchen.
Wie wichtig sehen Sie die Zusammenarbeit mit den Behörden wie Wasserwirtschaftsamt, Naturschutzbehörden oder mit den Landkreisen, mit den Landräten und Bürgermeistern an?
Ich war 32 Jahre in der bayerischen Umweltverwaltung, davon 20 Jahre in leitender Funktion, tätig. Der Kontakt zu Behörden ist wichtig, weil Verbandsarbeit Lobbyismus ist. Wir müssen von den Behörden als Gesprächspartner ernst genommen werden, um unsere Interessen zur Geltung zu bringen. Wir müssen uns mit den unterschiedlichen Interessen und Ausrichtungen der Behörden auseinandersetzen, die letztendlich Gesetze vollziehen. Ich habe die Zusammenarbeit innerhalb der Behörden immer sehr positiv empfunden, gerade zwischen den Arbeitsbereichen, für die ich gearbeitet habe, dem Naturschutz- und der Wasserwirtschaftsverwaltung.
Das ist besonders wichtig, wenn es Thema gibt, bei denen unterschiedliche Standpunkte eingenommen werden, wie zum Beispiel beim Predatorenmanagement. Aber auch bei Maßnahmen und Projekten, wie die Herstellung der Durchgängigkeit an unseren Gewässern, oder auch der Renaturierung und Neuherstellung von Gewässern, bedarf es eines engen Austausches. Ein gutes Beispiel hierzu ist der Mädelelech, wo in den neunziger Jahren anfangs unterschiedlichen Standpunkte zu einem Konsens gebracht wurden.